Samstag, 31. Juli 2010

Nicht so einfach mit der Weltrettung durch Konsum...

Inspiriert durch manomama habe ich mich mal wieder mit den gesundheitlichen Aspekten von Kleidung und Selber-Näh-Plänen befasst. Als Ergebnis musste ich mich auf die Suche nach echtem Bio-Stoff machen, gar nicht so leicht! Hier eine E-Mail an den Mathias-Versand für Fair-Trade-Stoffe in der Schweiz.

Sehr geehrte Damen und Herren,


ich finde es sehr erfreulich, dass Sie so eine große Auswahl an Fair Trade Stoffen anbieten. Zu den Bio-Stoffen hätte ich noch einige Fragen.

Bei den meisten in ihrem Katalog angegebenen Siegeln handelt es sich meines Wissens nicht um Bio- sondern nur um Fair-Trade-Siegel, dennoch sind viele Stoffe als "bio" gekennzeichnet. Können Sie mir nähere Auskunft über die Bio-Zertifizierung der Stoffe geben? Besonders interessiert mich, ob nur die Baumwolle oder der fertige Stoff zertifiziert ist. Ich möchte schließlich Bio-Stoffe kaufen, um Schadstoffe zu vermeiden und die Farben sind ja oft stark schadstoffbelastet. Außerdem würde ich gerne erfahren, woher die Stoffe genau stammen. Ich habe nämlich gehört, dass in Indien die Kontrollen sehr schlecht funktionieren und viel Bio-Baumwolle von dort gar nicht wirklich Bio-Qualität hat.

Ich hoffe, Sie können mir weiterhelfen und ich kann bald bedenkenlos Stoffe bei Ihnen bestellen!


Mit freundlichen Grüßen

Montag, 8. Februar 2010

Warum Heldinnen nie Leistungsträger werden

Mein Beitrag zur Heldendiskussion auf Freitag.de, außerdem Gedanken zu Integration, Chancengleichheit und Grundeikommen und nicht zuletzt eine persönliche Liebesgeschichte an das wahre Leben

Konzentriert schauen die großen braunen Augen mich an, man sieht förmlich die gedankliche Anstrengung dahinter. Sie würde endlos weiterreden, wenn jemand zuhören würde. Das Interesse an ihren philosophischen Gedanken ist aber bei ihren Brüdern, Eltern, und den ganzen furchtbar kompliziert mit ihr verwandten Erwachsenen eher gering. Fragen über Fragen. „Was passiert, wenn überall Feuer ist?“ „In welchem Laden gibt es Wände für Häuser?“ „Was ist, wenn unter der Erde kein Platz mehr ist für Tote?“ Sie hat unglaubliche Entwicklungsschritte gemacht. „Als alle Menschen Babys waren, wo waren da die Mamas?“ Das war erst vor ein paar Monaten, jetzt ist das längst geklärt. Leider hat sie aber inzwischen auch einiges wieder vergessen: Neuerdings besteht sie darauf, dass nach der Drei die Sieben kommt, dabei waren wir nach einigem Training schon fehlerfrei bei zwölf. Das Zählen in einen Zusammenhang mit ihrem Alter zu bringen, liegt ihr immer noch fern, letzteres drückt sich schließlich in Fingern aus.
Ich denke darüber nach, wie unfassbar viel dieser kleine Mensch in den letzten Jahren geleistet hat. Wie sie sich mit zwei Jahren die meiste Zeit versteckte, viel weinte und kaum ein Wort sprach, völlig verloren zwischen den ganzen Großen. Wie sie mit fast vier anfing, mich gerne zu besuchen, sich aber nicht die Bohne für das von mir beschaffte Spielzeug interessierte. Statt dessen durchsuchte sie meine Schubladen und probierte meine hochhackigen Schuhe an. Als sie vier war, beschloss ich, dass es reichte und verbot ihr die Schubladen. In der folgenden Zeit langweilte sie sich meist bei mir, Bücher, Malsachen und Puzzles konnten sie nur bei der Stange halten, wenn ich neben ihr saß und sie ermutigte. Ein Jahr später sieht das völlig anders aus. Stundenlang sitzt sie auf dem Teppich und malt, klebt, philosophiert. Nur manchmal muss ich sie daran erinnern, dass ich gerne gefragt werde, bevor ihre Kunstwerke an meinen Schrank geklebt werden. Denn irgendwas haben diese Spielsachen, Geschenke und Bilder an sich, dass sie mein Zimmer nicht verlassen wollen. Ich habe es selber probiert, der Familie Spielzeug gebracht. Nach kürzester Zeit war es verschwunden, kaputt und entsorgt, von den Jungs in Besitz genommen oder zu gut aufgeräumt von Mama. Deshalb hat sie gelernt, wertvolle Dinge bei mir zu lassen.
Am meisten bewundere ich, dass sie unverdrossen weiter die Welt erkundet, obwohl sie so oft zurückgewiesen wird. Obwohl sie etwas an sich zu haben scheint, was ihre Mutter zum Schimpfen bringt, wenn sie etwas fragt. Obwohl sie auch von mir einiges einzustecken hat, etwa wenn sie beim Einkaufen sagt: Kauf mir das! (Die Lösung sah vor dem nächsten Einkaufen so aus: „Wir gehen da jetzt rein und wenn du was haben willst sagst du nicht ,Das musst du mir jetzt kaufen.´ sonst werde ich sauer!“ - „Ok. Und was soll ich dann sagen?“ - „Dann sagst du ,Kannst du mir das bitte kaufen?´und wenn ich ,nein´sage, sagst du ,ok´.“ - „Ok.“) Und obwohl sie ein kleine Schwester hat, die von Beruf Prinzessin ist und durch Schreien alles bekommt, ohne je Widerspruch zu ernten.
Ich frage mich, welche Leistungen dieses kleine Wesen, das so stark ist, einmal für die Gesellschaft tragen wird. Ob ihr jemand erzählen wird, dass sie aufsteigen kann, wenn sie nur will. Ob sie an den Anforderungen dieser Gesellschaft zerbrechen wird.
Haben die sogenannten Leistungsträger, die selbstverständlich davon ausgehen, ihre Position aus eigener Anstrengung erreicht zu haben, mal eine Sekunde über ihre Voraussetzungen nachgedacht?
Ist es ein persönliches Versäumnis dieses Kindes, dass seine Eltern aus einer Minderheit stammen, die in ihrem Herkunftsland verfolgt wird? Dass ihre Eltern, traumatisiert nach dem Tod von eigenen Kindern die Flucht ergriffen und in einem Land landeten, in dem ihre Werte nichts zählen? Dass ihre Minderheit jahrhundertelang Schulen mied, um ihre kulturelle Identität zu bewahren und es ihnen auch deshalb schwer fällt, zu erkennen, dass ihre Kinder hier nur mit Schulbildung überleben können? Dass sie Eltern hat, die mit ihren Voraussetzungen hier auch Schwierigkeiten hätten, selbst wenn sie Deutsch könnten. Dass ihr Vater, in der Heimat ein angesehener Mann, mit Land und Arbeitskräften aber ohne Bildung hier nichts zählt. Dass er, über 50 und herzkrank, vom Arbeitsamt zum Computerkurs statt zum Deutschkurs geschickt wird. Dass es bei uns keine Grundsicherung für Kinder gibt und es deshalb für Eltern mit vielen Kindern und ohne Qualifikation kaum möglich ist, ihre Familie selber zu ernähren.
Und ich frage mich, ob deutsche Familien mit geringem Bildungsniveau, wenn sie plötzlich ihren Arbeitsplatz und ihr Umfeld verlieren würden, sich in einer völlig anderen Kultur auf einem anderen Kontinent vorbildlich integrieren würden.
Ich frage mich, was das für ein Land ist, in dem man steigende Arbeitslosenzahlen auf steigende Faulheit zurückführt. Und in dem kein Platz mehr ist, für Menschen, die durch einfache Arbeit für sich und ihre Familie sorgen wollen.
Das erinnert mich an die Argumentation aus dem Film über das Grundeinkommen: Heute kann niemand mehr für sich selber sorgen. Jeder arbeitet für andere und nimmt die Arbeit anderer in Anspruch. Die Arbeit von einigen wird aber nicht mehr gebraucht und sie können deshalb auch kaum Leistungen in Anspruch nehmen. Im Film kam ein Vorschlag aus früheren Zeiten vor, jedem ein kleines Stück Land zur eigenen Versorgung zu geben. Die moderne Form wäre das Grundeinkommen.
Das würde Eltern wie diesen eine große Last von den Schultern nehmen und dennoch würde es Kinder wie diese nicht dazu befähigen, sich im deutschen Schul- und Ausbildungssystem zu behaupten (was natürlich weniger relevant wäre, wenn sie nicht auf Arbeit angewiesen wären). Ganz vielleicht würde es auch mehr Nachbarn dazu bringen, so verrückte Dinge zu tun wie ich. Allerdings beschleicht mich der Verdacht, dass es nicht genügend wären, damit alle sich hier zu Hause fühlen können. Und mein Bauchgefühl findet, dass es auch mit Grundeinkommen, nicht richtig ist, wenn ein Teil der Gesellschaft vermittelt bekommt, dass seine Arbeitskraft nicht gebraucht wird und befürchtet, dass die Zuverdienstmöglichkeiten immer noch erheblich von den persönlichen Voraussetzungen abhängen.
Bleiben also genug Fragen, nicht nur für fünfjährige Philosophinnen.

Dieser Beitrag wurde ebenfalls in meinem Blog auf Freitag.de veröffentlicht.

Samstag, 9. Januar 2010

You have come to the right place!

Ein Bericht meiner spontanen einwöchigen Reise nach Kopenhagen anlässlich der UN-Klimakonferenz (COP15) im Dezember 2009

Endlich entdecke ich die Eingangstür, irgendwo in dem Graffiti steht „please enter“. „You have come to the right place“ verkündet ein strahlendes Gesicht unter einer bunten Strickmütze, als ich mich nach einem Schlafplatz erkundige. Sie gibt mir eine Führung: Neben dem „Café“ (ein Versammlungsraum mit zusammengestückelten Möbeln und einem riesigen Feuer im offenen Kamin) befindet sich eine Halle, in der zahlreiche frisch kreierte Transparente für diverse Demos ausgebreitet liegen. In der Baracke an der Stirnseite befindet sich die Großküche, wo ich gegen eine Spende veganes Essen bekommen kann. Ein kleiner Hund, der statt Hinterbeinen Räder hat, wuselt um unsere Beine. In einem zweistöckigen Bürogebäude im selben Industrie-Backstein-Look befinden sich die Schlafräume. Der erste Gang zeichnet sich durch einen durchdringenden Grasgeruch und eine Menge Dreck auf dem Boden aus. Überall in den Büros liegen schon Schlafsäcke verteilt. Duschen gibt es nicht. Ich beschließe, das Gelassenheit die angemessene Reaktion auf diese Situation ist und wähle den Raum im zweiten (saubereren) Gang, in dem ich eine Person vorfinde, die nicht unter Drogeneinfluss steht. Sie wird sofort meine beste Freundin. „Am besten suchst du dir irgendwo ein kaputtes Fahrrad und reparierst es in der Kandy-Factory. Dort wurde eine Werkstatt eingerichtet, Bus fahren ist hier viel zu teuer“ erklärt sie mir. Und dass es zwei große Gruppen von Organisatoren des Rahmenprogramms gibt: Das Klimaforum, eine alternative Konferenz, bei der es vielfältige Vorträge, Podiumsdiskussionen, Ausstellungen und Filme gibt. Und das Climate Justice Action Network, das jeden Tag Demos und Aktionen plant und uns auch diese kostenlose Unterkunft organisiert hat. Offenbar darf die Polizei das Gebäude nicht betreten, was sie aber nicht daran gehindert hat, in der vorigen Nacht draußen aufzukreuzen und einen Teil der vorbereiteten Demo-Materialien aus den Versammlungsräumen zu beschlagnahmen.
Das mit dem Fahrrad gelingt mir nicht, denn auf mich machen die zahlreichen Fahrräder, die vor den schönen alten Backstein-Wohnblöcken stehen, nicht den Eindruck, als wollten ihre Eigentümer sie loswerden. Im Gegenteil, die Räder wirken sehr gepflegt und vor allem schön. Keine Spur von Geschmacksverirrungen á la Supermarkt-Mountainbike. Statt dessen jede Menge Holland-Räder und sehr stylishe Fahrradhelme, die eher an Skater-Helme erinnern. An den Straßen finden sich breite Radwege von fast zwei Metern, die durch Bordsteinkanten von Fußweg und Straße getrennt sind. Eine wunderbare Fahrrad-Stadt.
Das Klimaforum befindet sich zu meiner Überraschung in einem recht schicken Gebäudekomplex, der ein Hotel, Sportanlagen und ein Schwimmbad beherbergt. Auf letzteres kann man aus einem Glasgang herabblicken und dabei Kinderschwimmkurse und Wassergymnastik beobachten.
Nach dem ersten Tag in den Veranstaltungen bin ich völlig aufgekratzt, inspiriert, bewegt. So viele spannende Menschen, so viele andere Perspektiven auf den Klimawandel und die Welt, so viele Denkanstöße. Niemals hätte ich diese Eindrücke durch Zeitungen, Videos und Texte im Internet gewinnen können. Meine Lektion aus dem ersten Tag: Es gibt sehr viele Menschen, die sich in den Entwicklungsländern gegen den Klimawandel engagieren. Sie spüren ihn schon, jeden Tag, in allen Regionen: Verschobene Jahreszeiten und Klimazonen, Dürren, sich ausbreitende Wüsten, verdorbene Ernten. Diese Erfahrungen ziehen sich wie ein roter Faden durch die Berichte aller Gäste. Logisch und berechtigt, dass sie uns als Verursacher des Klimawandels für ihr Leiden verantwortlich machen. Aber das ist nicht alles: Wir haben nicht nur mindestens 80% des Ausstoßes an Treibhausgasen zu verantworten, weil wir wie unsere Vorfahren Wert darauf legen, in Luxus zu leben. Wir können das nur, weil wir ihre Länder jeden Tag seit der Kolonialisierung ausbeuten. Die ressourcenreichsten Länder, die Ölregionen, z.B. der Kongo gehören zu den ärmsten der Welt. In Südamerika wird den Kleinbauern und indigenen Völkern ihr Land weggenommen, für die Plantagen internationaler Großkonzerne. Sie verlieren ihre Lebensgrundlage, ihre Heimat, sogar das Trinkwasser. Für diese Menschen ist der Kapitalismus der Nachfolger der Kolonialismus, sie sehen sich (zu Recht) als Verlierer des globales Wirtschaftssystems.
Es ist etwas anderes, davon nur zu wissen, oder sich wirklich damit zu befassen. Die Fotos wirkten auf mich verstörend. So genau hatte ich bisher nicht darüber nachgedacht, was es heißt, ganze Landstriche zu Plantagen zu machen. Wie es ist, wirklich dort zu leben, kann sich trotzdem wohl nicht vorstellen. Und mir fällt auf, wie groß der Unterschied ist: Eine große Wut und persönliche Betroffenheit auf Seiten der Südamerikaner. Und die große Distanz, Sachlichkeit und der Humor, mit denen europäische Wissenschaftler das Thema behandeln. Trotz der Gegensätze herrschte im Klimaforum eine großartiges Gemeinschaftsgefühl, getragen von der hilflosen Wut und Verzweiflung gegenüber dem Verhandlungsverlauf. Diese merkte man auch den wenigen Delegierten und den Promis der Szene (wie z.B. Naomi Klein, Vandana Shiva, Wangari Maathai) an, die an den Podien teilnahmen. Für sie war es besonders wichtig, hier offene und solidarische Menschen zu treffen, die ihre Sorgen teilten und nicht als erstes auf das Namensschild schauen. Ihre Berichte von den Machtkämpfen im Bella Center waren sehr deprimierend, besonders im Kontrast zu den Berichten der Wissenschaftler. Diese berichteten genau über den zu erwartenden Tipping Point beim Klimawandel (dazu sei dieses Video wärmstens empfohlen), über die wirtschaftlichen Zusammenhänge und über die Energienutzung der Zukunft. Einer erzählte diese Geschichte: „Auf einer einsamen Insel lebten Hühner. Die Menge der Würmer und Pflanzen begrenzte die Zahl der Hühner. Eines Tages wurden einige Tausend Fässer Getreide von einem Schiff angespült. Die Inselbewohner wurden dick und fett und vermehrten sich eifrig. Aber irgendwann war das Futter plötzlich aufgebraucht.“ Damit beschrieb er das plötzlich unendlich möglich scheinende Wirtschaftswachstum, das nach der Entdeckung fossiler Energieträger einsetzte. Jetzt fällt uns Hühnern auf, dass die zusätzliche Energie endlich ist. Beängstigend wirkten die Schilderungen von Technologien, die eingesetzt werden könnten, um Öl aus dem Sand zu holen oder Kohle in Öl zu verwandeln. Das Fatale (zusätzlich zur in beiden Fällen gigantischen Umweltverschmutzung) ist, dass, sofern beträchtliche Summen in soetwas investiert werden, sich diese auch lohnen müssen. Also wird auch weiter die Technik gefördert, die das Öl verbraucht. Damit zusammen hängt auch das widersprüchliche Verhalten der westlichen Regierungen, das der britische Journalist George Monbiot folgendermaßen charakterisiert: Eine Abteilung fördert engagiert erneuerbare Energien. Eine andere aber sorgt dafür, dass das Angebot an Öl im eigenen Land möglichst groß bleibt. Die Folge: Die Preise bleiben moderat, Öl verbrauchende Technologien werden weiter gebaut. Zusammen mit den Erneuerbaren steht mehr Energie zur Verfügung als zuvor, was natürlich auch niedrige Preise und einen höheren Verbrauch zur Folge hat. „Das ist, als wenn Sie eine riesige Sahnetorte und zusätzlich einen Salat essen und dann meinen, Sie würden wegen des Salates abnehmen.“ Würden die Verhandlungsführer ihre Bemühungen ernst meinen, müssten sie berücksichtigen, dass die Atmosphäre nur eine begrenzte Menge Treibhausgase verkraften kann. Täte man das, müssten man sofort anfangen, nur noch 60% der möglichen Menge zu fördern. Dann wäre die zentrale Frage, welche Ölvorkommen in der Erde bleiben und nicht wer wieviel Prozent gegenüber welchem Referenzjahr bis wann reduziert. Eine Ölknappheit und ein Preisanstieg kämen von ganz allein, sparsame Technologien und erneuerbare Energien hätten eine Chance und die vorher erwähnten extrem dreckigen Methoden fänden keine Anwendung. Eine wahre Diät also statt Sahnetorte plus Salat.
Jetzt wollt ihr aber sicher noch etwas über die Begegnungen mit der Polizei erfahren. Der kürzer halber werde ich mich auf die aufregendste beschränken. Dazu muss ich erst kurz über Christiania berichten. Christiania ist eine autonome selbstverwaltete Siedlung in Kopenhagen, die seit 1971 besteht und von der Polizei in der Regel nicht betreten wird. Etwa 1000 Leute leben dort, es sieht sehr bunt und lustig aus und am Wegesrand kann man an Verkaufsständen Dinge mit lustigen Namen wie „schwarzer Afghane“ kaufen. Das Zentrum ist ein Zirkuszelt, das von außen mit netten Sprüchen verziert ist, auf einer Wiese mit weiteren Zelten und kreativen Kunstwerken. Überhaupt ist das alles eine Augenweide, leider aber mit Fotoverbot. Drinnen im Zelt war eine nette Party im Gange, als der DJ sagte, dass die Polizei draußen wäre. Das hielt uns zunächst nicht vom Feiern ab. Immer wieder kamen Leute herein, die sich die Gesichter mit Schals verdeckten, weil draußen Tränengas verbreitet wurde und jemand erzählte von einem brennenden LKW. Als plötzlich auch eine große Menge Tränengas ins Zelt eindrang, wurde es dort sehr ungemütlich und wir verließen es durch die Zeltwand im hinteren Bereich. Oberhalb, an der Böschung, sahen wir Polizisten in Gruppen patroullieren. Wir wollten einen Versuch unternehmen, das Gelände zu verlassen und stellten ziemlich schnell fest, das eine Polizisten-Mauer ziemlich nahe stand. Wir überlegten etwas und entschlossen uns schließlich, es einfach zu versuchen. Offenbar sahen wir harmlos genug aus, sie ließen uns passieren und trieben uns zur Eile an. Aber das war noch nicht das Ende: Der ganze Stadtteil war umstellt. Nach mehreren Versuchen befürchteten wir schon, das es eine lange Nacht würde. Irgendwann fanden wir aber heraus, dass es an einer Absperrung eine Chance gab und tatsächlich konnten wir die Metro-Station erreichen und bekamen sogar noch den letzten Bus. An diesem Abend wurden in Christiania etwa 200 Leute festgenommen.
Insgesamt wurden während der Konferenz mehrere Tausend Aktivisten präventiv eingesperrt, bei völlig harmlosen Demos. Damit gelang es der Polizei viele der geplanten Protestaktionen erheblich zu schwächen, da Schlüsselpersonen fehlten. Nur zu protestieren, ohne mich mit den Themen zu befassen, kam für mich aber nicht infrage, ich verbrachte die meiste Zeit im Klimaforum.
Zwischen den Veranstaltungen suchte ich das Essenszelt auf in dem von einer Gruppe gekocht wurde, die sich „Free illegal Seeds“ nannte. Sie verwenden nicht patentiertes Gemüse, das sie selbst gezogen haben und können himmlisch kochen! (Hier ein Video, das die Küche in Kopenhagen zeigt). Sie stehen für die vielen Bewegungen, die die Kontrolle über ihr Leben wieder erlangen möchten, die sich für lokale Versorgung und gegen Agrarkonzerne engagieren, die Gemüsegärten in Großstädten anlegen oder autarke Dörfer gründen. Die Verabredungen mit meinen neuen Bekannten im Essenszelt klappten nie, was mir die Gelegenheit gab, jedes Mal neue Leute kennenzulernen.
Am Ende der Woche fühlte ich mich großartig und ich muss gestehen, dass ich mich fragte, ob das angemessen sein kann, angesichts des Ergebnisses. Aber es hat mir unwahrscheinlich viel Kraft gegeben, so wunderbare Menschen auf einem Haufen zu treffen. Endlos könnte ich weiter erzählen, von Projekten, die sie vorstellten und von den wertvollen Begegnungen. Auch Hoffnung keimte auf, denn man kann sich mit den drängenden Fragen auseinandersetzen, ohne Existenzängste ausstehen zu müssen und ohne dass wir wieder wie in vorindustrieller Zeit leben müssen. Mehrere Wissenschaftler sagten, dass wir nur zwei wesentliche Einschränkungen in unserem Lebensstil vornehmen müssen, damit alle auf diesem Planeten menschenwürdig leben können, ohne ihn zu zerstören: Wir müssen erheblich weniger fliegen und erheblich weniger Fleisch essen. Das sind die beiden Dinge, mit denen ein einzelner Mensch mit Abstand am effizientesten zum Klimawandel beitragen kann. Dass das mit dem Fliegen unpraktisch ist, muss ich selber zugeben. Nicht, dass ich dauernd an irgendwelche Strände fliegen würde, das Bedürfnis habe ich gar nicht. Aber nach diesen bewegenden Begegnungen würde ich wirklich gerne eine Weltreise machen und die ganzen Graswurzelbewegungen besuchen, von denen ich gehört habe. Darüber könnte ich ein Blog schreiben oder ein Buch. Das erscheint mir extrem viel spannender, als am Strand zu liegen. Wer weiß: Vielleicht unternehme ich in den nächsten Jahren ein paar Schiffsreisen! Segeln wollte ich schon immer lernen. Kommt jemand mit?

PS: Die versprochenen Fotos vom Weltkugel-Gesicht.

Hinweis: Dieser Text wurde auch in meinem Blog auf Freitag.de veröffentlicht.

Sonntag, 6. Dezember 2009

Die andere Weltrettung

Meine Versuche, meinen neuesten Blogeintrag hier zu veröffentlichen sind leider gescheitert, deshalb lest ihn bitter hier (auf Freitag.de).

Freitag, 28. August 2009

Bewusstseinssanierung

Trailer zu dem Film ENERGY AUTONOMY, der im März ins Kino kommt

Sonntag, 23. August 2009

Heißhunger?

Glutamat ist ein weit verbreiteter Geschmacksverstärker und in vielen Fertiglebensmitteln enthalten. Es stört die Hirnfunktionen und erzeugt so künstlich Appetit, damit trägt es zur Entstehung von Übergewicht bei. Es gibt Hinweise auf zahlreiche weitere negative Auswirkungen, u.a. Hirnschäden und Verringerung der Sehkraft, die möglicherweise erst nach Jahrzehnten eintreten.

Mail an vegeta-info@podravka.de
Sehr geehrte Damen und Herren,
heute habe ich im Park eine Probepackung Vegeta Würzmischung bekommen. Leider enthält sie Glutamat und ich werde sie deshalb nicht essen. Meines Erachtens sollten Gewürze keine Geschmacksverstärker benötigen. Falls Sie sich über mögliche Risiken durch Glutamat informieren möchten, empfehle ich Ihnen folgende Seiten: http://www.zentrum-der-gesundheit.de/glutamat-ia.html und http://www.food-detektiv.de/ (Suchwort Mononatriumglutamat).
Mit freundlichen Grüßen
Miriam Lakemann

Dienstag, 18. August 2009

Immer diese Vergiftungen...

Mail an service@rossmann.de

Sehr geehrte Damen und Herren,
durch die neuen Empfehlungen der Europäischen Lebensmittelbehörde wurde ich auf die Gefahr aufmerksam, die von Cadmium ausgeht. Durch weitere Internet-Recherche stellte ich fest, dass besonders Leinsamen häufig stark mit diesem Schwermetall belastet sind. Da ich täglich EnerBio Leinsamen in mein Müsli mische, bin ich nun etwas besorgt. Bitte teilen Sie mir doch mit, wie hoch die Cadmium-Belastung Ihrer Leinsamen ist! Parallel werde ich bei anderen Herstellern anfragen und mich dann zukünftig für das Produkt mit der geringsten Belastung entscheiden.
Mit freundlichen Grüßen
Miriam Lakemann

Zum Thema: report München und 3Sat.

Freitag, 31. Juli 2009

7.700.000 Euro...

...sparen die Schilfufer der mittleren Elbe im Vergleich zu technischen Kläranlagen jährlich ein: Schilfrohr bindet Stickstoff, seine Wurzeln filtern Schmutzwasser und die hohen Stängel transportieren pro Hektar und Tag rund 100 Kilogramm Sauerstoff ins Wasser.
Quelle: Greenpeace Magazin 4/2009, S. 7

Samstag, 18. Juli 2009

"57 Jahre...

...muss ein Inder alt werden, um so viel Papier verbraucht zu haben wie ein deutsches Kind an seinem 1. Geburtstag.
Mit 2 Jahren verantwortet es schon so viel CO2-Ausstoß wie ein Bewohner Tansanias in seinem ganzen Leben."


Quelle: Die beste Zeitschrift (Greenpeace Magazin) 4/09, S. 4

Sonntag, 5. Juli 2009

Gegensätze

Postkarte. Friedensbibliothek Antikriegsmuseum im Haus der Demokratie und Menschenrechte.

Sonntag, 14. Juni 2009

Und der Arme sagte bleich...

Eine uralte Postkarte, die ich einem schrägen Typen auf dem Kirchentag abgekauft habe, den ich dort jedes Mal treffe und bei dem ich dann immer ein paar Postkarten kaufe (also jetzt schon dreimal). Der korrekten Quellenangabe wegen habe ich recherchiert und festgestellt, dass dieses Exemplar von einem Herrn Manfred Strecker stammt, der offenbar auch schonmal vorübergehend im Internetzeitalter angekommen war.

Mittwoch, 10. Juni 2009

Sonntag, 19. April 2009

Ist Wikipedia eine Frau oder ein Mann?

Aus aktuellem Anlass möchte ich auf eine äußerst wichtige Diskussion zwischen Oliver und mir hinweisen. Ich glaube, wir sind zum Kern der Probleme unserer Zeit vorgestoßen. Zur Vorgeschichte: Oliver hatte auf Twitter mein Hausarbeitsthema (Luhmanns Systemtheorie) kommentiert, wie er sagte mit Hilfe eines gewissen Herrn Pedia, Vorname Wiki. Woraufhin ich ihm antwortete, Wiki Pedia sei meines Erachtens eine Frau. Nach dieser Reaktion muss ich zugeben, dass Wikipedia durchaus einige männliche Eigenschaften hat. Trotzdem bin ich noch nicht vollends überzeugt und muss weiter darüber nachdenken. Was meint ihr?

PS: Oliver, ich hoffe es ist ok, dass ich das Bild geklaut habe ;-)
PPS: Argument 1 und 4 sind schonmal nicht besonders überzeugend!
Ach und fast hätt ich's vergessen: Heute hat uns unsere Nachbarin zwei gefrorene Hühner gebracht, weil sie schlecht geträumt hatte.

Freitag, 17. April 2009

Wehret den Anfängen!

Heute hat mich das Thema Meinungsfreiheit und die Verlogenheit unserer Politiker noch einmal so aufgeregt, dass ich gleich wieder etwas schreiben muss. Erstmal noch als Ergänzung zum letzten Eintrag: Hier finden sich eine Menge Berichte und Links zum Taz-Geburtstag. Besonders nett fand ich folgenden Bericht von einem ehemaligen taz-Redakteur, der in der Berliner Zeitung erschien: "Lehnten wir in der Meinungsredaktion einen Text ab, weil uns seine Argumentation nicht überzeugte, hieß das noch lange nicht, dass er nicht erschien. Wenn die Meinung - sagen wir: der Islam ist per se eine gewalttätige Religion - einem Kollegen behagte, fand der schon ein Plätzchen dafür. Gerne haben manche Kollegen auch einen kritischen Kommentar über schwarz-grüne Gedankenspiele ein paar Seiten weiter durch ein großes Lob der schwarz-grünen Perspektiven konterkariert. Ein Disput auf der nächsten Morgenkonferenz war ebenso garantiert wie natürlich folgenlos. Und das bleibt hoffentlich auch so. Denn, was mich als Redakteur bisweilen nervte, scheint die taz-LeserInnen zu erfreuen. Was wäre die taz auch ohne Grenzüberschreitungen? Ohne die dreiste Provokation, ohne den großen Irrtum. Eine ganz normale Zeitung - und davon gibt es schon genügend."

Nun aber zu meinem heutigen Thema. Die schleichende Einführung der Zensur. Dass ich gegen Kinderpornografie bin, glaubt mir wahrscheinlich jeder. Aber bei der neuen Selbstverfplichtung einiger Internetprovider und dem Gesetzesvorhaben von Frau Von der Leyen geht es offenbar um etwas anderes. Durch Sperrungen sollen entsprechende Seiten blockiert werden, statt dessen soll ein Stopp-Schild mit Erläuterungen angezeigt werden. Angeblich soll es Gelegenheitstäter vom Besuch solcher Seiten abschrecken. Wie ein engagiertes Vorgehen gegen Kinderpornographie sieht es dennoch nicht aus, denn das Abschalten der Seiten und eine strafrechtliche Verfolgung der Inhaber wäre effektiver und möglich, da die meisten Server in westlichen Staaten stehen.
Was steht also hinter der Aktion? Der Chaos-Computer-Club (CCC) vermutet, dass es darum geht, mit einem nicht angreifbaren Thema die Internet-Zensur einzuführen.
Die Probleme bei dem Vorgehen sind nämlich:
- Die Sperre kann leicht umgangen werden, Anleitungen kursieren im Internet.
- Um das Stopp-Schild anzeigen zu können, muss die IP-Adresse gespeichert werden, das ist datenschutzrechtlich nicht erlaubt.
- Da die BKA-Liste ja verbotene Adressen enthält, ist nicht überprüfbar, ob sie wirklich Kinderpornographie enthalten. Analysen von vor einiger Zeit im Internet kursierenden Listen aus anderen Ländern ergaben, dass nur ein geringer Teil der Seiten wirlich dem Gesetz nach unter Kinderpornografie fallen. Das BKA würde damit seine Kompetenzen überschreiten, weil keine richterliche Prüfung vrogesehen ist.
- Der Innenminister war an den Verhandlungen beteiligt und ist sehr engagiert. Der CCC befürchtet, dass das Vorgehen auf andere Bereiche ausgedehnt werden soll und wegen der bekannten geringen Effektivität in Zukunft auch wirksamere Filter verwendet werden sollen: Salami-Taktik.
- Viele Argumente von Frau Von der Leyen sind Quatsch, siehe Artikel auf heise.de.
- Es ist sehr zweifelhaft, dass überhaupt in großem Umfang neues Material entsteht, das Meiste ist seit Jahrzehnten im Umlauf und Neues schon gar nicht öffentlich zugänglich. Neues Material wird gegen Bezahlung auf dem Postweg verbreitet.
- Die Kinderschutzorganisation Carechild hat bewiesen, wie absurd das Vorgehen ist: Sie schrieb an die Provider von 17 Adressen einer im Netz aufgetauchten dänischen Sperrliste. 16 waren nach einem Tag abgeschaltet. Die dänische Regierung will offenbar wie die deutsche nicht wirklich etwas gegen Kinderpornografie tun.
- Es ist nicht geregelt, was mit den gesperrten Seiten weiter passiert. Wann werden die Seiten wieder freigeschaltet, wenn die Ihhalte (die vielleicht ein Fremder platziert hat) entfernt wurden?
- In Schweden und Dänemark wurde bereits versucht, durch die Listen Inhalte zu sperren, die gar nichts mit Kinderpornografie zu tun hatten, z.B. um gegen illegalen Musiktausch vorzugehen. In Deutschland hat schon der Vorsitzende des Bundesverbands Musikindustrie die Initiative begrüßt. Wann werden auch noch politische Inhalte ohne Kontrolle gesperrt und Leute, die Sperrungen umgehen strafrechtlich verfolgt?
Hier wird das Thema Kinderpornografie instrumentalisiert und Frau Von der Leyen will sich profilieren! Wer tut wirlich etwas gegen Kindesmissbrauch UND gegen Zensur?
Berichte und Fotos der heutigen Protestaktion findet ihr unter http://netzpolitik.org.

Donnerstag, 16. April 2009

Liebeserklärung an die Pressefrechheit

Gleich zwei Gründe gibt es, heute über die taz zu berichten:
Erstens ist vor 30 Jahren, am 17. April 1979 die erste Ausgabe (nach den Nullnummern) erschienen. Herzlichen Glückwunsch! Spiegel Online hat schon vor ein paar Tagen darüber berichtet.
Zweitens werde ich taz-Genossin. Kürzlich habe ich meine bescheidenen Ersparnisse aus einem nachhaltigen Aktienfond zurückbekommen. Da ich fand, dass es keinen großen Unterschied macht, bei so wenig Geld irgendwelche Anstrengungen zu unternehmen, es zu vermehren, hab ich mir überlegt, etwas besonders sinnvolles damit anzustellen. Und habe 500,- an die taz Genossenschaft überwiesen. Die taz gehört den Lesern! Das klingt nett, aber die Tragweite dieser Tatsache wird einem vermutlich erst bewusst, wenn man sich ein paar Dinge überlegt. Dass z.B. eine Menge deutsche Medien der Bertelsmann AG gehören. Sogar 25,5% des Spiegel gehören Gruner+Jahr, einem Verlag der Bertelsmann AG. Und deren Eigentümerin, die Bertelsmann Stiftung prägt nicht nur die öffentliche Meinung, sondern macht auch aktiv Politik. Aber dazu später mehr. Heute geht es ja um die taz. Immer häufiger fiel mir in der letzten Zeit auf, dass Artikel auf Spiegel Online undifferenziert, vereinfachend und polarisierend waren. Bei taz.de ist das anders. Obwohl nicht so viele Themen behandelt werden und oft nicht so umfassend: Statt sensationslüsternen Überschriften finde ich hier Humor und Intelligenz. Ob ich mich verändert habe, oder SPIEGEL Online, sei dahingestellt. Und ich bestreite auch nicht, dass SPIEGEL Online gelegentlich gute Themen bringt, manchmal sogar gut recherchiert. Fest steht trotzdem, dass ich täglich taz brauche (neben der besten Zeitung sei auch die beste Zeitschrift erwähnt: Das Greenpeace Magazin). Und dass ich mich nie fragen muss, welchem Konzern meine Zeitung gehört, sie gehört nämlich mir!

Danke taz, 30 Jahre sind ein guter Anfang!

PS: Morgen, am 18.04.2009, soll eine „neue“ taz erscheinen – ich bin gespannt!

Donnerstag, 26. März 2009

Wem gehört das Wissen der Welt?

Wissen vermehrt sich mit rasanter Geschwindigkeit. Aber der Zugang wird auch immer stärker eingeschränkt: Patente auf Medikamente, Software, Saatgut... Das führt zu absurden Situationen: Bauern können plötzlich nicht mehr dieselben Pflanzen und Tiere züchten, die sie schon immer verwendet haben, weil ein Großkonzern eine Gen-Sequenz der Schweine oder das Saatgut des Broccolis patentieren lassen hat. Hilfsorganisationen können keine AIDS-Kranken in Afrika mehr behandeln, weil plötzlich astronomische Preise für die Medikamente verlangt werden. Die Forschung wird behindert, weil Erkenntnisse durch Patente geschützt werden und führ ihre Nutzung hohe Gebühren anfallen. Und dass auch das normale Urhebrrecht aus Vor-Internet-Zeiten stammt und nicht zu den kreativen Möglichkeiten passen, die heute von Millionen Menschen täglich genutzt werden, dürfte schon allgemein bekannt sein. Was tun? Das Netzwerk Freies Wissen versucht, die verschiedenen Bewegungen, die sich bereits gegen diese Probleme engagieren, zusammenzubringen.

Wissensallmende Report 2009 from netzwerk freies wissen on Vimeo.

Sonntag, 22. März 2009

Helden

Heute bin ich im Internet mal wieder auf ein paar Helden gestoßen. Zum Beispiel die Bürger von Gammersfeld. Die tragen ihr Geld brav in die Mini-Raiffeisen-Bank, seit 1890. Die kleinste Bank Deutschlands. Dort gibt es nur Girokonten, Sparbücher und Kredite. Die Finanzkrise hat keinen Weg in das Dorf gefunden. Es geht also wirklich ohne Zocken!
Heldenhaft finde ich auch immer wieder kreative Ideen, die öffentliche Aufmerksamkeit erregen. Dieses Wochenende von Attac: Die Aktivisten haben die "ZEIT" kopiert! In vielen deutschen Städten wurde eine gefälschte Printausgabe verteilt, und sogar ein falsches Online-Portal ging ans Netz und wurde ausgiebig genutzt. Auch die Anzeigen sind falsch und lassen einen beim Lesen stolpern: Arbeitslose, Verschuldete Babys, Klimakiller? Der Inhalt ist dann recht amüsant: Unter dem Schlagwort "die neue Machbarkeit" wird ein Szenario entworfen, wie die heutige Krise genutzt werden könnte, um das Finanzsystem nachhaltiger und gerechter zu machen. Über eine G20-Vereinbarung über die Bekämpfung von Steueroasen wird ebenfalls berichtet.
Gerade in der letzten Zeit fiel mir häufig auf, wie undifferenziert und einseitig die großen Medien über die Finanzkrise berichten und wie viele wichtige Themen kaum oder gar nicht behandelt werden. Das macht die Genialität der Aktion aus: Es wird nicht nur auf extrem wichtige Themen aufmerksam gemacht, sondern auf die Probleme der Medienlandschaft, die sonst kaum sichtbar werden. Die Printausgabe kann man hier als pdf runterladen, sie ist aber über 8 MB groß.
Ach ja und noch etwas: Ich habe Walter Hase getroffen!

Montag, 9. März 2009

Wem gehört die Welt...

...oder wer wird den Klimawandel alleine stoppen?



www.global-commons.net

Donnerstag, 19. Februar 2009

Der Kapitalismus zerstört sich selbst - aber noch nicht jetzt

Gestern gab es in der taz einen beeindruckenden Artikel zur Finanzkrise. Ich will versuchen, diejenigen Aussagen zusammenzufassen, die ich noch nicht so häufig gehört habe.

1)Angeblich ist die Krise entstanden, weil Grundstückskäufer ihre Schulden nicht bezahlen konnten. Warum bekommen diese dann nicht das Geld? Das würde den Familien und den Banken nützen.
2)Wahrscheinlich weil man dann merken würde, dass das nicht die wahren Ursachen sind. Nicht ratiopharm hat Merckle in den Ruin getrieben, sondern gigantische Spekulationen mit Aktien.
3)Deshalb ist die Krise eine Krise des Kapitalismus: Die Banken sind misstrauisch geworden, sie wollen kein Geld mehr verleihen.
4)Das neue Misstrauen kann die Regierung mit Milliarden nicht beseitigen. Aber warum versucht sie es? Warum will sie Privatbanken retten, anstatt über die staatlichen Landesbanken und die kommunalen Sparkassen die „freie Wirtschaft“ mit Geld zu versorgen? Dieser Punkt erscheint mir besonders einleuchtend. Wenn die Wirtschaft den Menschen dienen sollte, wenn es tatsächlich langfristig um Arbeitsplätze ginge, müsste man doch dafür sorgen, dass die Unternehmen weiter Kredite bekommen und nicht dass die Privatbanken überleben! Zitat: „Warum sollen die, die den Markt immer vergöttert haben, jetzt nicht mit diesem Markt glücklich untergehen dürfen?“
5)Wie viele Milliarden bereits in die Banken gepumpt wurden, wird kaum erwähnt. Statt dessen wird diskutiert, ob der Staat zu viel Kontrolle hat und ob er überhaupt Schulden machen sollte (nicht wofür).
6)Zitat: „Was also ist die Krise? Das Bankensystem hat sich selbst ruiniert, aber nicht weil es die Regeln des Kapitalismus verletzt hat, sondern weil es sie konsequent befolgt hat: Ziel war und ist nichts als Gewinn, soziale Verantwortung oder Ethik hin oder her. Ebenso wie der Staatssozialismus an sich selbst erstickt ist, haben sich die Banken damit in einem Meer von Geld selbst ertränkt und sich gegenseitig in die Pleite getrieben. Im Unterschied zum Staatssozialismus haben die Banken aber einen Weg gefunden, das Ende des Kapitalismus noch einmal in ein neues Aufblühen zu verwandeln. Denn zusammen mit den Medien sorgen sie dafür, dass sich die Struktur des Wirtschaftssystems nicht ändert, aber der Staat die Kosten trägt. Wie lange? Bis auch er pleite ist.“
7)Zitat: „In den letzten Jahrzehnten ist der Anteil aus Vermögen und Unternehmertätigkeit am Bruttosozialprodukt kontinuierlich gestiegen, in der Bundesrepublik wie im Rest der Welt. Der entfesselte Kapitalismus hat getan, wofür er da ist, nämlich die Kapitalrenditen immer stärker in die Höhe getrieben und so die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter geöffnet.“ Das kann logischerweise nicht immer so weitergehen. Irgendwann können die Gewinne nur noch zunehmen, wenn der Staat seine Steuergelder an die Banken und Unternehmen transferiert.
8)Der Erhalt von Arbeitsplätzen ist meist das Totschlagargument, um unangenehme Maßnahmen zu rechtfertigen. Peinlich, dass die Banken von dem Geld andere Banken kaufen oder Boni an ihre Mitarbeiter auszahlen.
9)Die, die Krise geschaffen haben profitieren bereits wieder von Spekulationen mit billigen Aktien.
10)Die Bürger sind geduldig, lassen sich immer wieder besänftigen, nehmen in Kauf, jahrzehntelang zu zahlen. In den Medien wird kaum darüber berichtet, dass es in anderen Ländern Proteste gibt.
11)Wenn sich nichts ändert, „wird das alles enden, wie Marx es vorausgesagt hat: Der Kapitalismus als eine Folge von Krisen, die immer existenzieller werden. Irgendwann dann auch für die Banker.“